Kammerton a

 
 

Dissonant, sagt Ezra und hält sich die Ohren zu. Ein Instrument muss auf das Genaueste gestimmt sein, sagt er. Ist nicht ganz so wichtig, sagt aber mein Meister.  Dir zuzuhören ist die reinste Folter, sagt Ezra. Dass ich auf seine Einwände nichts gebe, versteht sich. Ich spiele auf Teufel komm raus. Täglich mehrere Stunden lang. Das ist auch notwendig, denn ich möchte in meiner Kunst reüssieren. Da ist tägliches, stundenlanges Üben unabdingbar. Tägliches, stundenlanges Üben, das sagt auch mein Meister. Tägliches, stundenlanges Üben, sagt er und wiederholt sich gebetsmühlenartig, sooft er mich spielen hört. Selbstredend folge ich seinen Anweisungen in allem und jedem. Noch hat sich leider kein erwähnenswerter Erfolg eingestellt. Dass man mich letzthin ins Herrenhaus eingeladen hat, bedeutet mir nichts. Ich habe die Einladung ausgeschlagen. Der Bote, der sie mir überbracht hat, hat Ezra und mich nicht wenig erschreckt. Er hat mehrfach an die Tür gepocht, Billie, Ezras Hund, hat hysterisch zu bellen begonnen und Ezra und ich haben uns erschreckt aneinander geklammert. Wir sind mucksmäuschenstill geblieben und haben uns hinter dem großen Schrank versteckt. Dann hat ein uns gänzlich unbekannter Mann die Hütte betreten. Unser ungebetener Besucher hat  glaubhaft versichert, dass von ihm keine Gefahr droht, also haben wir uns ermannt und ihn gefragt, womit wir dienen können. Ich komme von oben, vom Herrenhaus, hat er gesagt und mit dem linken Arm die schräg nach oben weisende Geste gemacht, die ich auch von Ezra kenne. Den Herrschaften sind Ihre Bemühungen zu Ohren gekommen, hat er zu mir gewandt gesagt. Nun will man Sie spielen hören und erwartet Sie morgen Abend, hat er hinzugefügt. Er hat mir  ein kompetentes Publikum, das mir alle Türen öffnen könnte, in Aussicht gestellt und mir ermunternd zugenickt. Na, was sagst du, hat Ezra gefragt, weil ich gänzlich stumm geblieben bin. Er hat mich aufmunternd in die Seite gestoßen, willst du dem Herren nicht antworten und dich für die freundliche Einladung bedanken, hat er gefragt, aber ich habe bloß den Kopf geschüttelt und mich ein paar Schritte zurückgezogen. Ezra ist mir in den Rücken gefallen und hat dem Boten in meinem Namen versichert, dass ich mich für die Einladung sehr herzlich bedanke, mich morgen Abend pünktlich einfinden und mein Bestes geben werde. Nein habe ich aber gesagt und mich mehrmals räuspern müssen, nein, auf keinen Fall, ich möchte lieber nicht, I would prefer not do. In der Folge hat Ezra  vergebens versucht, mich umzustimmen, ist aber gänzlich erfolglos geblieben. Der Bote hat schließlich die Achseln gezuckt, uns den Rücken gekehrt und die Hütte ohne weiteres Wort verlassen. Seither liegen die Dinge im Argen zwischen Ezra und mir.

 

*

 

 

Meine Erinnerung an Ezra verblasst zusehends. Ich habe mir ein sehr schönes tannengrünes Notizbuch besorgt und will alles möglichst vollständig aufzeichnen. Kein Laptop, kein Tablet, kein Smartphone, hat meine Freundin letztens gefragt, nein, habe ich gesagt. Leider trügt mich meine Erinnerung des öfteren. So weiss ich, nur ein Beispiel, nicht mehr genau, wie lange ich in der Höhle gefangen gewesen bin. Sicher ist, dass, laut Ezra, Billie mich gefunden hat. Billie ist Ezras Hund. Du bist so gut wie tot gewesen, hat er gesagt, mir einen scheelen Blick zugeworfen und dann den Kopf weggedreht. Das tannengrüne Notizbuch liegt jetzt aufgeschlagen vor mir. Womit beginnen, frage ich mich, weil ich den erlösenden ersten Satz nicht finde. Obwohl mir alles überdeutlich vor Augen steht. Vielleicht mit einer Beschreibung Ezras beginnen, sage ich mir. Seine Erscheinung steht mir doch noch deutlich vor Augen. Hält er sich gänzlich ruhig, erinnert sein Anblick an eine Statue. In der Antikenabteilung des Museums steht eine solche. Ich habe sie wieder und wieder aufgesucht und über die frappante Ähnlichkeit gestaunt. Filigraner, fein ziselierter Kopf, Nase, Jochbögen, Kinnlinie, alles perfekt, habe ich mir immer wieder gedacht, dabei die vollkommenste Blässe, die man sich denken kann. Augenbrauen und Wimpern  sind blond und heben sich sich kaum von der weißen Haut ab, Ezra wirkt ein wenig unwirklich, man kann es nicht anders sagen. In grösstem Gegensatz dazu seine rissigen, abgearbeiteten Hände mit den ungepflegten Nägeln. Was willst du, ich arbeite hart, auch mit meinen Händen, hat er einmal gesagt und meinen Blick richtig gedeutet. Ja, das tust du, Ezra, habe ich beschwichtigend gesagt, neben all deinen sonstigen Aufgaben arbeitest du hart, das ist vollkommen richtig. Ich rücke mein schönes, tannengrünes Notizheft ein bisschen besser zurecht und fasse den Entschluss, meine Aufzeichnungen mit einer Beschreibung Ezras zu beginnen. Das wird mich nicht allzu viel Anstrengung kosten. Allerdings muss zuvor alles vorbereitet werden, was einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Die Bleistifte, von denen ich ein ganzes Bündel besitze, müssen jeden Tag neu zugespitzt werden. Manchmal ist es so, dass ich über dem Spitzen der Bleistifte die Zeit vergesse. Dann stehe ich von meinem wackligen Tisch in der Ecke auf, ohne eine einzige Zeile geschrieben zu haben. Das ist schon mehrmals vorgekommen. Dieses Mal werde ich allerdings mehr Disziplin an den Tag legen. Ich will mir nicht umsonst dieses sehr schöne, grüne Notizbuch gekauft haben. Womit aber beginnen, frage ich mich, während ich die Bleistifte spitze. Vielleicht mit einer Frage. Bin ich mit allen Wassern gewaschen, wie Ezra immer wieder behauptet, könnte ich fragen und mir gleich selber die Antwort geben. Dann könnte ich fortfahren und eine erste Anekdote aus Ezras und meinem Leben erzählen, die seine Behauptung untermauert. Der König nimmt den Bischof am Arm Halt du sie dumm ich halt sie arm hat er auf einen Zettel geschrieben gehabt. was ist das Ezra, habe ich gefragt, eine Liedzeile hat er gesagt, was ist das für ein Lied, Ezra, habe ich gefragt, ich weiß nicht, hat er gesagt. Allerdings sollte ich zuvor Ezras Äusseres beschrieben haben. Das ist die leichteste Übung und wird meinem schönen, tannengrünen, bis jetzt leeren Notizbuch am ehesten gerecht. Ich kann schreiben, dass Ezra groß ist, größer als ich. Das ist gänzlich unverfänglich. Weiteres kann ich schreiben, dass er selten lacht und man deswegen seine schönen Zähne nie sieht und dass er jeden, der seinen Weg kreuzt, mit sehr hellen Augen mustert. Seine Miene bleibt dabei aber stets die unbewegteste. Das alles kann ich eingangs schreiben. Meine Erinnerung an Ezra verblasst zusehends. Ich habe mir ein sehr schönes tannengrünes Notizbuch besorgt und will alles möglichst vollständig aufzeichnen. Kein Laptop, kein Tablet, kein Smartphone, hat meine Freundin letztens gefragt, nein, habe ich gesagt. Leider trügt mich meine Erinnerung des öfteren. So weiss ich, nur ein Beispiel, nicht mehr genau, wie lange ich in der Höhle gefangen gewesen bin. Sicher ist, dass, laut Ezra, Billie mich gefunden hat. Billie ist Ezras Hund. Du bist so gut wie tot gewesen, hat er gesagt, mir einen scheelen Blick zugeworfen und dann den Kopf weggedreht. Das tannengrüne Notizbuch liegt jetzt aufgeschlagen vor mir. Womit beginnen, frage ich mich, weil ich den erlösenden ersten Satz nicht finde. Obwohl mir alles überdeutlich vor Augen steht. Vielleicht mit einer Beschreibung Ezras beginnen, sage ich mir. Seine Erscheinung steht mir doch noch deutlich vor Augen. Hält er sich gänzlich ruhig, erinnert sein Anblick an eine Statue. In der Antikenabteilung des Museums steht eine solche. Ich habe sie wieder und wieder aufgesucht und über die frappante Ähnlichkeit gestaunt. Filigraner, fein ziselierter Kopf, Nase, Jochbögen, Kinnlinie, alles perfekt, habe ich mir immer wieder gedacht, dabei die vollkommenste Blässe, die man sich denken kann. Augenbrauen und Wimpern  sind blond und heben sich sich kaum von der weißen Haut ab, Ezra wirkt ein wenig unwirklich, man kann es nicht anders sagen. In grösstem Gegensatz dazu seine rissigen, abgearbeiteten Hände mit den ungepflegten Nägeln. Was willst du, ich arbeite hart, auch mit meinen Händen, hat er einmal gesagt und meinen Blick richtig gedeutet. Ja, das tust du, Ezra, habe ich beschwichtigend gesagt, neben all deinen sonstigen Aufgaben arbeitest du hart, das ist vollkommen richtig. Ich rücke mein schönes, tannengrünes Notizheft ein bisschen besser zurecht und fasse den Entschluss, meine Aufzeichnungen mit einer Beschreibung Ezras zu beginnen. Das wird mich nicht allzu viel Anstrengung kosten. Allerdings muss zuvor alles vorbereitet werden, was einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Die Bleistifte, von denen ich ein ganzes Bündel besitze, müssen jeden Tag neu zugespitzt werden. Manchmal ist es so, dass ich über dem Spitzen der Bleistifte die Zeit vergesse. Dann stehe ich von meinem wackligen Tisch in der Ecke auf, ohne eine einzige Zeile geschrieben zu haben. Das ist schon mehrmals vorgekommen. Dieses Mal werde ich allerdings mehr Disziplin an den Tag legen. Ich will mir nicht umsonst dieses sehr schöne, grüne Notizbuch gekauft haben. Womit aber beginnen, frage ich mich, während ich die Bleistifte spitze. Vielleicht mit einer Frage. Bin ich mit allen Wassern gewaschen, wie Ezra immer wieder behauptet, könnte ich fragen und mir gleich selber die Antwort geben. Dann könnte ich fortfahren und eine erste Anekdote aus Ezras und meinem Leben erzählen, die seine Behauptung untermauert. Der König nimmt den Bischof am Arm Halt du sie dumm ich halt sie arm hat er auf einen Zettel geschrieben gehabt. was ist das Ezra, habe ich gefragt, eine Liedzeile hat er gesagt, was ist das für ein Lied, Ezra, habe ich gefragt, ich weiß nicht, hat er gesagt. Allerdings sollte ich zuvor Ezras Äusseres beschrieben haben. Das ist die leichteste Übung und wird meinem schönen, tannengrünen, bis jetzt leeren Notizbuch am ehesten gerecht. Ich kann schreiben, dass Ezra groß ist, größer als ich. Das ist gänzlich unverfänglich. Weiteres kann ich schreiben, dass er selten lacht und man deswegen seine schönen Zähne nie sieht und dass er jeden, der seinen Weg kreuzt, mit sehr hellen Augen mustert. Seine Miene bleibt dabei aber stets die unbewegteste. Das alles kann ich eingangs schreiben.