Kammerton a

 

 

Grand mal, sagt Ezra und betrachtet den zu Boden gestürzten Anton. Unsinn, sage ich, bloß eine kleine Unpässlichkeit. Hat er das öfters, frage ich aber nach einer Weile, weil Antons Krampfen und Winden und Augenverdrehen gar nicht aufhören will. Schon, sagt Ezra und fordert mich auf, ihm ein geeignetes Werkzeug zu bringen. Wir müssen seinen Kiefer lockern, sagt er. Tatsächlich knirscht Anton auf das Grässlichste mit den Zähnen. Es besteht die Gefahr, dass er sich die Zunge abbeisst, sagt Ezra und weist mich an, ihm einen hölzernen Kochlöffel zu bringen. Schnell, Hasenherz, sagt Ezra. Also beeile ich mich, öffne eine Schublade nach der anderen, finde aber nichts, womit man meiner Meinung nach Antons Kiefer lockern könnte. Zu guter Letzt bringe ich Ezra einen normalen Löffel. Ezra schüttelt den Kopf über mich und sagt, dass ich zu nichts zu gebrauchen bin. Ein metallener Löffel, sagt er und versucht, Antons verdrehten Kopf wieder geradezubiegen, ein metallener Löffel ist absolut nicht geeignet. Damit breche ich Anton doch alle Zähne. Sein Tonfall ist der vorwurfsvollste und ich gebe mich schuldbewusst. Ezra verlässt seinen Platz neben Anton und beginnt nun seinerseits in den Schubladen zu kramen. Halte ihn fest, sagt er zu mir, fest, aber nicht zu fest. Ich zögere, weil ich Anton nur ungern anfasse. Seine unkontrollierte Zuckungen ängstigen mich. Du musst das richtige Maß finden, sagt Anton, während er eine Schublade nach der anderen öffnet, hältst du ihn zu fest, brichst du ihm den Arm. Bist du zu nachgiebig, versetzt er dir die schmerzhafteste Schläge. Halt ihn fest, sei aber aber gleichzeitig behutsam, sagt er. Aber das ist leichter gesagt als getan. Vorsichtig berühre ich Antons Oberarm, dann sein Handgelenk, dann fasse ich seine Finger. In der Folge spüre ich meine kleine Flöte in meiner Hosentasche. Ich trage sie immer bei mir. Lass uns ein wenig Musik machen, sage ich zu Ezra. Er zuckt die Achseln, wird nicht viel helfen, sagt er. Lass es mich zumindest probieren, sage ich. Ich krame in meiner Hosentasche und ziehe die Flöte hervor. Ihr Ton ist wie immer hervorragend und ich spiele eines meiner Lieblingslieder. Ezra wendet sich um und betrachtet mich kopfschüttelnd. Ich unterbreche kurz. Maid of Killarney sage ich, stimme das gleiche Lied nochmals an und meine eine gewisse Entspannung an Antons verkrampften Gliedmaßen zu sehen. Es wirkt, sage ich. 

 
*

 

 

Dissonant, sagt Ezra und hält sich die Ohren zu. Ein Instrument muss auf das Genaueste gestimmt sein, sagt er.  Das sieht mein Meister ganz anders. Dir zuzuhören ist die reinste Folter, sagt  Ezra. Dass ich auf seine Einwände nichts gebe, versteht sich. Ich übe. Täglich mehrere Stunden lang. Das ist auch notwendig, denn ich möchte in meiner Kunst reüssieren. Da ist tägliches, stundenlanges Üben unabdingbar. Tägliches, stundenlanges Üben, sagt auch mein Meister. Er wiederholt sich gebetsmühlenartig, sooft er mich spielen hört. Selbstredend folge ich seinen Anweisungen in allem und jedem. Dass man mich letzthin ins Herrenhaus eingeladen hat, bedeutet mir nichts. Ich habe die Einladung ausgeschlagen und Ezra damit aufs Äußerste verärgert. Ein Bote hat sie überbracht, worüber wir sehr erschrocken gewesen sind. Eines Morgens ist er vor unserer Hütte erschienen, hat mehrfach an die Tür gepocht und Billie, Ezras Hund, hat hysterisch zu bellen begonnen. Ezra und ich haben uns erschreckt aneinander geklammert,  sind mucksmäuschenstill geblieben und haben auf das Pochen nicht reagiert. Als sich die Tür langsam geöffnet hat, ist ein uns gänzlich unbekannter Mann über die Schwelle getreten. Er hat uns glaubhaft versichert, dass von ihm keine Gefahr droht und er nur eine Einladung aussprechen möchte. Die Herrschaft schickt mich, hat er zu mir gewandt gesagt, sie wollen Sie spielen hören. Man erwartet Sie morgen Abend und ich soll Ihnen versichern, dass Sie ein kompetentes Publikum vorfinden werden, das Ihnen alle Türen öffnen kann. Er hat mir ermunternd zugenickt, aber ich bin wie vor den Kopf gestoßen gewesen. Was will man von mir, habe ich Ezra gefragt, man will dich spielen hören, hat er gesagt, du solltest geschmeichelt sein. Was ist denn nun, hat Ezra gesagt, willst du dem Herren nicht antworten und dich für die freundliche Einladung bedanken. Ich habe aber mehrfach schlucken müssen und nichts sagen können. Schließlich hat Ezra das Wort ergriffen und für mich gesprochen. Er hat gesagt, dass ich mich geehrt fühle und mich pünktlich im Herrenhaus einfinden werde. Da bin ich ihm ins Wort gefallen. Nein, habe ich mich sagen hören, nein, keinesfalls, ich möchte lieber nicht. Ezra hat mir einen tadelnden Blick zugeworfen und der Bote hat die Augenbrauen hochgezogen und ist einen Schritt zurückgetreten. Ich möchte lieber nicht, I would prefer not do habe ich wiederholt, mit immer lauterer Stimme und Billie näher zu mir gezogen.  Ezra hat versucht, mich umzustimmen, aber ich habe den Kopf gesenkt gehalten und  meine Hände in Billies Fell vergraben. Es hat eine Weile gedauert, bis alle begriffen haben, dass mit mir nicht zu reden ist. Dass ich auf grösstes Unverständnis gestoßen bin, versteht sich. Man wird ungehalten sein, hat der Bote gesagt und der vorwurfsvolle Ton in seiner Stimme ist nicht zu überhören gewesen, nicht jedem wird solch eine Chance geboten, Sie verbauen sich alle weiteren Möglichkeiten. Ich habe aber bloß die Achseln gezuckt, mir keine weitere Reaktion entlocken lassen und aus der halb offenstehenden Tür auf die sonnenbeschienene Wiese und den Waldrand geschaut. Und was sage ich der Herrschaft jetzt, hat der Bote gefragt und die Hände gerungen. Er ist von einem Fuß auf den anderen getreten und als er sich endlich zum Gehen gewandt hat, bin ich erleichtert gewesen. Er ist über die taunasse Wiese davongegangen und ich bin ihm mit den Augen gefolgt. Das kniehohe Gras hat sich immer wieder um seine Beine geschlungen, so als ob es ihn zurückhalten wollte. Er hat sich mehrmals losreißen müssen und die hilflosen Bewegungen haben mir ein Lächeln entlockt. Hinzuzufügen wäre vielleicht noch, dass seit diesem Auftritt die Dinge zwischen Ezra und mir im Argen liegen

 

 

 

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Meine Erinnerung an Ezra verblasst zusehends. Deswegen habe ich  mir ein sehr schönes tannengrünes Notizbuch besorgt. Alles muss  möglichst vollständig aufgezeichnet werden. 

 

Kein Laptop, kein Tablet, kein Smartphone, hat meine Freundin letztens gefragt, nein, habe ich gesagt. Leider trügt mich meine Erinnerung des öfteren. So weiss ich, nur ein Beispiel, nicht mehr genau, wie lange ich in der Höhle gefangen gewesen bin. Sicher ist, dass, laut Ezra, Billie mich gefunden hat. Billie ist Ezras Hund. Du bist so gut wie tot gewesen, hat er gesagt, mir einen scheelen Blick zugeworfen und dann den Kopf weggedreht. 

Das tannengrüne Notizbuch liegt jetzt aufgeschlagen vor mir. Womit beginnen, frage ich mich, weil ich den erlösenden ersten Satz nicht finde. Alles steht mir überdeutlich vor Augen. Ezra vor allem.  Hält er sich gänzlich ruhig, erinnert sein Anblick an eine Statue. In der Antikenabteilung des städtischen Museums steht eine solche. Ich habe sie wieder und wieder aufgesucht und über die frappante Ähnlichkeit gestaunt. Filigraner, fein ziselierter Kopf, Nase, Jochbögen, Kinnlinie, alles perfekt, habe ich mir immer wieder gedacht, dabei die vollkommenste Blässe, die man sich denken kann. Augenbrauen und Wimpern  sind blond und heben sich sich kaum von der weißen Haut ab. Ezra wirkt ein wenig unwirklich, man kann es nicht anders sagen. In grösstem Gegensatz dazu stehen seine rissigen, abgearbeiteten Hände mit den ungepflegten Nägeln. Was willst du, ich arbeite hart, auch mit meinen Händen, hat er einmal gesagt und meinen Blick richtig gedeutet. Ja, das tust du, Ezra, habe ich beschwichtigend gesagt, neben all deinen sonstigen Aufgaben arbeitest du hart, das ist vollkommen richtig. Ich rücke mein schönes, tannengrünes Notizheft ein bisschen besser zurecht und fasse den endgültigen Entschluss, meine Aufzeichnungen mit einer Beschreibung Ezras zu beginnen. Das wird mich nicht allzu viel Anstrengung kosten. Allerdings muss zuvor alles vorbereitet sein, was einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Die Bleistifte, von denen ich ein ganzes Bündel besitze, müssen jeden Tag neu zugespitzt werden. Manchmal ist es so, dass ich über dem Spitzen der Bleistifte die Zeit vergesse. Dann stehe ich von meinem Tisch in der Ecke auf, ohne eine einzige Zeile geschrieben zu haben. Das ist schon mehrmals vorgekommen. Dieses Mal werde ich allerdings mehr Disziplin an den Tag legen. Ich will mir nicht umsonst dieses sehr schöne, grüne Notizbuch gekauft haben. Womit aber tatsächlich beginnen, frage ich mich, während ich die Bleistifte spitze. Vielleicht mit einer Frage. Bin ich mit allen Wassern gewaschen, wie Ezra immer wieder behauptet, könnte ich fragen und mir gleich selber die Antwort geben. Dann könnte ich fortfahren und eine erste Anekdote aus Ezras und meinem Leben erzählen. 

 

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Der König nimmt den Bischof am Arm Halt du sie dumm ich halt sie arm ist auf dem Zettel gestanden, den er mich nicht wollte lesen lassen. Was ist das Ezra, habe ich gefragt, eine Liedzeile, hat er gesagt, aus welchem Lied, Ezra, habe ich gefragt, ich weiß nicht mehr, hat er gesagt. Weisst du was Hittrach ist, Hasenherz, hat er nach einer Weile gefragt, nein, nie gehört, habe ich gesagt, Hittrach, was soll das sein. Hittrach oder Hüttenrauch, gewonnen aus Arsenkies, einem Nebenprodukt des Bergbaus, hat Ezra in dozierendem Tonfall gesagt, das Kokain der Bergarbeiter und Bauern, speziell nachgefragt in der Gegend, aus der auch du kommst. Ich habe die Achseln gezuckt, weiß nichts davon, habe ich gesagt, nie davon gehört. Lüge nicht, Hasenpfote, hat Ezra aber bloß gesagt, mich angesehen und nachsichtig den Kopf geschüttelt. Wir alle wissen darüber Bescheid, so auch du, hat er hinzugefügt und zu summen begonnen. Er hat mich auffordernd angesehen, ich aber habe ihm den Rücken gekehrt. Nichts liegt mir ferner, als mit Ezra Lieder zu singen. 

 

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Aber ja doch, hat Ezra gesagt, vor allem weil Prinz Eisenherz mir treu zur Seite stehen wird. Er hat nach meiner Hand gegriffen und ich habe dem Pfarrer zu verstehen gegeben, dass mit mir auf jeden Fall zu rechnen ist. Das ganze Tal ist in Aufruhr, hat er aber gesagt, die Leute fürchten um ihre Arbeitsplätze. Consistere tu insulsa teneo pauperem, hat Ezra gesagt. Wie war doch noch der Wahlspruch, den, zugegeben, nicht Sie und mein großartiger Halbbruder, Cousin oder was immer er auch ist, ausgegeben haben? Ich weiss nicht, wovon du redest, hat der Pfarrer gesagt, na, dann übersetzen wir, hat Ezra gesagt, halt du sie dumm, ich halt sie arm, ist doch korrekt, hat er gefragt, ist nicht so weit her mit ihrem Latein, oder, Hochwürden? Der Pfarrer hat mir einen hilfesuchenden Blick zugeworfen, lass gut sein, Ezra, habe ich gesagt, ihm beruhigend die Hand auf den Arm gelegt und ihn ein wenig beiseite ziehen wollen. Aber Ezra ist weiter in den Pfarrer gedrungen, noch vor einer Generation haben sich die Leute hier im Steinbruch und im Bergwerk zu Tode gearbeitet, wissen Sie, was Hittrach ist, Hochwürden? Nein, was soll das sein, hat der Pfarrer gesagt, nie gehört davon. Dann kann ich Sie erhellen, Hochwürden, hat Ezra gesagt, Hittrach, ein Derivat aus Arsenkies, haben, nur ein Beispiel, die Bergwerkarbeiter genommen, um die schwere Arbeit im Steinbruch und im Bergwerk leisten zu können. Du hast eine blühende Phantasie, Ezra, hat der Pfarrer gesagt und als Ezra weiter von den armen, zu Tode geschundenen Leute, die dennoch an jedem Sonntag eifrig zur Kirche gegangen sind, Sie und Ihresgleichen haben die Menschen dumm gehalten, Herr Pfarrer, geredet hat, ist eine abrupte Wandlung mit dem Pfarrer vorgegangen. Es hat ihn die Contenance zur Gänze verlassen, er ist aufgestanden und ohne Gruß und türenschlagend aus der Hütte gerannt. Ezra und ich haben uns ans Fenster gestellt und zugesehen, wie er quer über die Wiese davongelaufen ist, dabei haben sich mehrfach Gräser um seine Beine gewickelt, von denen er sich nur mühsam befreien hat können. So ist er nur langsam vorwärtsgekommen. Mehrmals hat er den Kopf gewandt und zur Hütte zurückgeschaut. Du hast ihn dir zum Feind gemacht, habe ich zu Ezra gesagt, aber Ezra hat bloß die Achseln gezuckt. Das war er doch schon vorher, hat er gesagt, im Verbund mit denen da oben. Dabei hat er seine charakteristische Handbewegung schräg nach oben in Richtung des Herrenhauses gemacht. Halt du sie dumm, ich halt sie arm, hat er hinzugefügt, davon will er natürlich nichts hören, aber es ist trotzdem nichts weniger als wahr. 

 

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Das Folgende ist schwierig zu schildern. Dass ich mich auf meinem Rückweg erneut verirrt habe, war noch das geringste Problem. Die Dunkelheit hat nach einiger Zeit überhand genommen und ich habe so gut wie nichts mehr gesehen. Nur manchmal, wenn sich die Wolken verzogen haben, war der vom Mondlicht beschienene Weg wieder deutlich zu sehen. Dann bin ich leidlich vorangekommen und habe vorsichtig einen Fuß vor den anderen gesetzt. Nur jetzt nicht stolpern, eine ernsthafte Verletzung davontragen und die Nacht hier im Freien verbringen müssen, habe ich mir gedacht und meine Vorsicht verdoppelt. Einmal, als sich die Wolken kurzzeitig verzogen haben, ist eine Höhle in mein Blickfeld gekommen, die ich von früheren Spaziergängen wiedererkannt habe. Damals habe ich sie sogleich erkunden wollen, bin aber von Ezra daran gehindert worden. Auch jetzt hat sich der Höhleneingang verlockend gerade über mir weit geöffnet, aber ich habe Ezras Warnungen noch im Ohr gehabt und gezögert. Lass dir nicht einfallen, in einer der Höhlen Schutz zu suchen, falls du dich wieder einmal verirren solltest, hat er mehr als einmal zu mir gesagt. Ich habe ihm versichert, dass ich das keinesfalls tun werde. Allerdings ist jetzt die Situation eine vollkommen andere. Als sich die Wolke wieder verzogen hat und der Höhleneingang so einladend direkt vor mir gelegen ist, habe ich nicht lange überlegen müssen. Hier warten, bis Ezra und Billie mich gefunden haben, habe ich mir gedacht und dass sie mich ohnehin alsbald vermissen werden. Dann kann es nicht mehr allzu lang dauern, bis sie aufbrechen, nach mir suchen und mich finden. Bei Billies Geschick im Schnüffeln und Suchen ist das nur eine Frage der Zeit, habe ich mir gedacht, den Weg verlassen, mich zum Eingang der Höhle hochgehievt und ein trockenes Plätzchen gleich beim Höhleneingang gefunden. Ich habe mich bequemer zurechtgesetzt und über mich selber den Kopf schütteln müssen. In welche Situationen bringst du dich andauernd, habe ich mich gefragt und mir gesagt, dass es das Falscheste war, Ezras Warnungen einfach in den Wind zu schlagen. Weil ich mich den Tag über sehr anstrengen habe müssen, bin ich kurzzeitig eingenickt, aber die Kälte hat mich gleich wieder aufgeweckt. Ezras Erzählungen von den Bergleuten, den Höhleneingängen und den tiefen Stollen sind mir wieder in den Sinn gekommen und ich habe mir gedacht, dass ich ihm besser zuhören hätte müssen. Und vor allem das Buch hätte lesen sollen.  Hier, hat er gesagt und ein umfangreiches Buch vor mich hingelegt, falls dich die Geschichte des Bergbaus und vor allem die der Bergleute hier in diesem Landstrich interessiert. Tut es nicht wirklich, Ezra, habe ich wahrheitsgemäß gesagt und mir damit seinen Zorn zugezogen. Allmählich könnten sie mich hier drinnen aufspüren, Ezra und Billie, habe ich mir gedacht und meine ohnehin viel zu dünne Jacke enger um mich gezogen. Aber das hat nicht allzu viel genützt. Ich bin ein wenig tiefer in die Höhle geklettert, wird Billie mich hier drinnen finden können, habe ich mich gefragt. Ich habe mir gesagt, dass es klüger wäre, mich weiter vorne in der Nähe des Höhleneingangs einzurichten, aber hier drinnen ist es ein wenig wärmer gewesen. 

 

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© 2015 Elfriede Kern

 

Zwei junge Männer, wie sie typisch für die Besucher des Salons der Gertrude Stein sein könnten. Beugen sich über eine Zeitschrift, lachen.
ERSTER MANN Was meinst du? Kränkt sie sich?
ZWEITER MANN Ein wenig. Vielleicht. Aber nicht sehr.
ERSTER MANN Aber da, blättert in der Zeitschrift, liest: Hohlheit. Egozentrische Verzerrungen. Klinischer Fall von Größenwahn. Munterer Klatschtantenton. Nettes Lustspielniveau. Lügnerin.
ZWEITER MANN Oder da, liest: Zwei alte, nach Ruhm und öffentlicher Anerkennung gierende Jungfern.
ERSTER MANN Und ich sage dir, sie kränkt sich nicht.
ZWEITER MANN ahmt Miss Furrs Sprechweise nach: Ich bin ein Genie. Es braucht soviel Zeit ein Genie zu sein. Ich muss herumsitzen und nichts tun. 
 Einfach nichts tun.

ERSTER MANN ahmt Miss Furrs Sprechweise nach: Einstein war der schöpferische philosophische Geist des Jahrhunderts und ich bin der schöpferische literarische Geist des Jahrhunderts.

ZWEITER MANN Ein Genie.
ERSTER MANN  Ein Genie. Beide lachen.
ERSTER MANN  Miss Skeene nachahmend: Ach komm, Liebes, gib mir diesen Schund. Nimmt die Zeitschrift, klappt sie zu, wirft sie in eine Ecke.
Wir wollen das alles ganz schnell vergessen. Nur böse, böse Menschen können solche Dinge über meinen armen Liebling schreiben legt seinem Freund den Arm um die Schultern, führt in zu einem Sessel, nötigt ihn sich hinzusetzen, beide schweigen, denken nach
ZWEITER MANN normaler Tonfall: Wie war das noch? Männer gefallen mir vom Hals aufwärts und Frauen vom Hals abwärts. Hat sie das wirklich gesagt?
ERSTER MANN  Zu mir nicht. Aber möglich. Durchaus möglich. Wer hat gesagt, das sie das gesagt hat?

ZWEITER MANN zuckt die Achseln. Irgendwer. Ist mir zu Ohren gekommen. Frauen vom Hals abwärts, Männer vom Hals aufwärts. Soll sie gesagt haben.
ERSTER MANN Und wenn schon. Was heisst das schon.
ZWEITER MANN gedehnt: Na ja.
ERSTER MANN  sieht ihn mit hochgezogenen Brauen an. Das gibts. Du magst vielleicht schockiert sein, mein Lieber, aber das gibts tatsächlich. Nicht alle Frauen wollen einen Mann im Bett. Manche wollen eine Frau im Bett. Dreht den Kopf, schaut ins Publikum. Ziehen ihresgleichen vor.  Dunkel.